Das European Space Operations Centre (ESOC) hat seinen Sitz in Darmstadt und steuert internationale Satelliten-Missionen vom Europaviertel aus. Doch was hat Darmstadt genau mit Rosetta, Mars Express & Co zu tun? Pressesprecher Bernhard von Weyhe hat die Antworten.

Von Hafida Ben-Aouda & Dorothea Wagner-Maroti

DNA: Warum ist ESOC in Darmstadt angesiedelt?

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Bernhard von Weyhe

Foto: ESA

Von Weyhe: Das ESOC ist hier entstanden, weil schon seit über 80, 90 Jahren große Luft- und Raumfahrt oder auch ganz allgemeine wissenschaftliche Expertise in Darmstadt existierte: Die Mathematiker und die Physiker, die diese komplexen Flugbahnen berechnen konnten, das Mathematische Zentrum mit den großen Rechnern – damals war ein Taschenrechner so groß wie ein Einfamilienhaus. All diese Dinge existierten hier und auch der Frankfurter Flughafen ist wichtig, um Experten aus ganz Europa hierher einzufliegen und gemeinsam an einer komplexen Raumfahrtmission für Europa zu arbeiten. Das ist der Grund, warum das ESOC in Darmstadt entstanden ist.

Welche Aufgaben übernimmt das ESOC?

Das ESOC in Darmstadt ist für den Betrieb aller europäischen Satelliten-Missionen zuständig und hat seit 1967 über 100 Missionen betreut. Davon waren etwa 60 Missionen ESA-eigene Satelliten. Wir steuern hier auch das weltweite Netzwerk der Bodenstation, also die Empfangsantennen, die in der ganzen Welt verteilt sind. Diese schicken Steuerkommandos an die Satelliten hoch, insbesondere in der kritischen Start- und Testphase einer Mission und leiten auch die wissenschaftlichen Daten aus dem All an die Wissenschaftler in ganz Europa weiter. Im Moment betreuen wir 15 verschiedene Missionen mit 17 Satelliten. Wir haben außerdem sieben oder acht Missionen für die nächsten Jahren geplant, die auch sehr präzise und genau vorbereitet werden müssen. Der aktuelle Missionsbetrieb beschäftigt uns Tag und Nacht, 24/7 wie man so schön sagt. Sogar Sonntagmorgens um drei Uhr ist hier im ESOC was los, es sind immer Leute in den Kontrollräumen.

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Das Kontrollzentrum im ESOC.

Foto: ESA

Wie ist ESOC International vernetzt?

ESOC ist international – Punkt. Wir sind ein Knotenpunkt der europäisch-internationalen Raumfahrt. Bei uns im Zentrum haben wir insgesamt 800 Mitarbeiter von bestimmt 25 verschiedenen Nationalitäten. Arbeitssprache ist Englisch und noch ein bisschen Deutsch und Französisch. Wir arbeiten jeden Tag mit ESA Kollegen in den Niederlanden, Frankreich, Italien, Spanien, England und auch mit anderen großen Raumfahrtnationen weltweit. Mit der NASA in den USA, mit Russland, auch mit den Chinesen und den Japanern. Teilweise aber auch mit den Indern, Brasilianern, mal mit Südafrika oder anderen afrikanischen Staaten, die Bodenstationen haben. Internationalität und globales Denken beziehungsweise interplanetares Denken ist bei uns Tagesgeschäft.

Wie finanziert sich das Raumfahrtzentrum?

Das Gesamtbudget der ESA beträgt pro Jahr etwa 4,3 Milliarden Euro. Das ist dann verteilt auf verschiedenen Aktivitäten: Erdbeobachtung, Navigation, Raumfahrt, Wissenschaftsmissionen, Astronomie und Kometen-Forschung wie zum Beispiel Rosetta. Deutschland trägt zu diesem gesamten Betrag etwa 22% bei, das sind grob 800 Millionen Euro im Jahr. Dies wird über das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt zur Verfügung gestellt. Die geben das Geld in einen großen ESA-Topf rein, in den alle 22 Nationen ihre Budgets, Ressourcen und Experten bereitstellen. Bei Raumfahrtprojekten ist es extrem wichtig, dass man die Ressourcen zusammenfügt, denn in der Raumfahrt kann man nur klotzen, nicht kleckern.

Was trägt denn jeder Bürger dazu bei?

Jeder Bürger, Sie und ich, zahlen etwa 10 bis 12 Euro pro Jahr in die Raumfahrt ein. Das ist vielleicht ein Kinobesuch oder eine gute Pizza.

Was bekommt man für dieses “Kinoticket” zurück?

Ganz offensichtliche Dinge, wie ihre tägliche Wettervorhersage. Ohne die Wettersatelliten, die die ESA entwickelt und ins All geschickt hat, hätten Sie keine vernünftige, präzise Wettervorhersage für heute und die nächsten Tage. Die Darmstädter Kollegen von EUMETSAT sind für den kompletten Betrieb all dieser Satelliten zuständig.

Außerdem tägliche Satelliten-Kommunikationsverbindungen: Wenn Sie die olympischen Spiele auf der anderen Seite der Welt anschauen wollen oder die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien, brauchen Sie Satellitenkommunikation. Auch die internationale Klimaforschung wäre absolut unmöglich ohne europäische Klima- und Erdbeobachtungssatelliten. Wenn Sie wissen wollen, wo sich „unser gemeinsames Raumschiff Erde“ in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten hinbewegt, wie das mit dem Klimawandel läuft – wie genau eine Flutkatastrophe sich ausbreitet, ob die polaren Eiskappen wegschmelzen oder nicht, ob die Sahara demnächst in der Mitte von Spanien ist und dann nach Südfrankreich hochwandert. All diese Dinge können Sie ideal aus der globalen Perspektive mit Satelliten erkennen.

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Foto: ESA

Was sind die Highlights im Arbeitsalltag?

Die Highlights sind eigentlich immer die großen Satellitenstarts. Wenn ein Satellit ins All getragen wird mit 28.000 Kilometern pro Stunde, das ist 40 Mal mehr als ein Verkehrsflugzeug. Wenn der Satellit, der die Nutzlast darstellt, nach ein paar Minuten im All von der Raketenoberstufe abgetrennt wird, übernehmen wir im Kontrollzentrum die Steuerung dieses Satelliten. Da ist er in dieser kritischen Start- und Testphase einer Mission und dann sind natürlich alle am Daumen drücken, dass das funktioniert. Dass der Satellit, der irgendwo als kleiner Punkt in den Tiefen des Alls umhertaumelt, eingefangen und stabilisiert wird, alle Systeme hochgefahren werden und wir dann in die Routinephasen übergehen können.

Absolut spannend war es natürlich auch, als Rosetta im August 2014 überhaupt erst mal am Kometenkern angekommen ist – nach etwa sechs Milliarden Kilometern Flugstrecke durch das Sonnensystem. Oder als wir mit dem “Mars Express” am roten Planeten angekommen sind und mit der “Huygens Sonde” auf dem Saturnmond Titan gelandet sind, nach vielen Milliarden Kilometern Flugstrecke. Das sind absolut irre Abenteuer gewesen.