Ingenieur-Sein – heißt das nicht Rechnen, karge Büroräume und ist nur was für Männer? „Nein“, sagt Kira Stein. Sie erzählt uns von Frauen in der Technik, guten Berufschancen und ihrem Darmstadt.

Von Alexander Gottschalk & Lina Frank

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Kira Stein
Tragen würde Kira Stein ihr Bundesverdienstkreuz nicht. Zu militärisch. Andererseits leuchten ihre Augen, wenn man sie auf die Auszeichnung anspricht. Denn natürlich ist Kira Stein stolz. Allerdings weniger darauf dass, sondern viel mehr wofür ihr der „Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland“ verliehen wurde: Ihr Engagement für Frauen in technischen Berufen. „Normalerweise wird das Bundesverdienstkreuz bei Frauen nur für Soziales verliehen. Deshalb bin ich stolz darauf“, sagt sie, „als Vertreterin der Frauen in der Technik.“

Kira Stein promovierte als Erste im Fach Maschinenbau an der TU Darmstadt. Für ihren Doktorvater damals eine Überwindung. Das war 1983. Ingenieurinnen sind auch heute eher die Ausnahme. Und spüren das später im Berufsalltag. „Man stellt gern Leute ein, die einem ähnlich sind“, erklärt Kira Stein. Ein Problem in einer Männer-Domäne, wie den technischen Berufen. Stellt „Mann“ „Frau“ ein, und die macht einen Fehler, müsse der Mann sich für die Einstellung rechtfertigen. Bei Männern hingegen könne das ja mal passieren. Andererseits würden die Frauen nicht „verkloppt“, wenn sie versagen. Kira Stein hat die Erfahrung gemacht, dass erst der Erfolgsfall problematisch wird: „Frauen haben den zweifelhaften Vorteil, dass von ihnen kein Erfolg erwartet wird. Wenn sie den dann doch haben und sich so als Konkurrenz entpuppen, wird das nicht sehr positiv wahrgenommen.“ Eine Chancengleichheit gibt es also nicht. Und die Probleme kommen einem bekannt vor: Ingenieurinnen werden schlechter bezahlt und haben schlechtere Aufstiegschancen. „Bis jetzt haben mittelmäßige Männer immer noch bessere Chancen als gute Frauen“, erklärt die 63-Jährige.

Auch deshalb engagiert sich Kira Stein für ihre Kolleginnen und Nachfolgerinnen. Sie war jahrelang im Vorstand des Deutschen Frauenrates. Ihr Herz hängt aber besonders am Ingenieurinnenbund. Der bietet die Möglichkeiten für junge Ingenieurinnen, ihre Erfahrungen auszutauschen und sich zu vernetzten: Weiterbildungen, Seminare, Betriebsbegehungen – Lobbyarbeit für Ingenieurinnen. Das Ziel ist es, „Frauen zu selbstverständlichen Gestalterinnen von Technik zu machen.“ „Es kommen immer wieder Frauen, die heute in führenden Positionen sind, auf mich zu, und erzählen, ich habe ihnen mit meinem Rat viel geholfen.“ Und heute beraten sie selbst junge Ingenieurinnen. Der Ingenieurinnenbund will junge Mädchen für Technik begeistern, denn dieses Berufsfeld braucht mehr Frauen. Und ist für die eigentlich auch sehr attraktiv. Es bietet trotz der Benachteiligung gute Berufschancen.

„Viele Mädchen wollen im Beruf etwas mit Menschen machen. Der Ingenieurs-Beruf kann das auch“, erklärt Kira Stein. Das öffentliche Bild des Berufsalltags sei leider oft falsch. Es wird nicht nur mit Zahlen jongliert. Die Darmstädterin hatte viele Jobs. In der Entwicklung, dem Produkt-Management, in Forschung und Lehre oder in Marketing und Qualitätsmanagement. Besonders interessant findet sie Kommunikation und Politik in Maschinenbaubetrieben: „Ich sage immer: Das Qualitäts-Management kann entweder eine Psychologin machen, die sich mit Technik auskennt, oder eine Maschinenbauerin, die sich in die Psychologie einfühlt.“ Die Arbeit mit Menschen ist allgegenwärtig, Team- und Kommunikationsfähigkeit wichtiges Rüstzeug.

Außerdem könne der Beruf einen anderen Wunsch vieler Frauen erfüllen: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Kira Stein hat die Erfahrung gemacht: „Arbeitszeiten lassen sich flexibel gestalten, Kinderbetreuung lässt sich leichter finden. Denn man verdient genug und Ingenieure und Ingenieurinnen werden gebraucht.“