Das Passivhaus Institut Darmstadt (PHI) entwickelt Algorithmen und eigene Software-Tools für die dynamische Gebäudesimulation und die Berechnung von Energiebilanzen. Klingt erst mal kompliziert – und das ist es auch. Dabei ist der Name Programm, denn die Forschung des PHI widmet sich ganz der Verbreitung des Passivhauskonzepts. Um Licht ins Dunkle zu bringen, hat das PHI Benjamin Wünsch als hauseigenen Pressereferenten engagiert. Wir sprachen mit ihm über Vorurteile, Ziele, Forschungsarbeit und Zukunftsmusik. 

Von Christoph Bayer, Johanna Hilbig & Jonas Rütten

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Benjamin Wünsch

DNA: Herr Wünsch, Sie sind vom Alltags-Journalismus einer kleinen Redaktion in die PR-Abteilung des Passivhausinstitutes gewechselt. Seit wann gibt es das PHI schon?

Wünsch: Das Passivhausinstitut wurde vor 1996 von Prof. Dr. Wolfgang Feist gegründet, der fünf Jahre vorher das erste Passivhaus der Welt in Darmstadt entwickelt und gebaut hat. Er hat damit  den Passivhausstandard definiert.

Was versteht man denn unter Passivhausstandards? Sind das bauliche Anforderungen?

Der wichtigste Wert sind die 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Das ist der Wert, der den maximalen Heizenergiebedarf eines Gebäudes beschreibt.  Das bedeutet also, dass ein Gebäude, das als Passivhaus gelten soll, nur so viel verbrauchen darf. Das wird baulich durch fünf Prinzipien erreicht.

Welche fünf Prinzipien sind das?

Das Allerwichtigste ist erst mal die Wärmedämmung der Gebäudehülle – sprich Verglasung, Luftdichte, die Dicke der Wände und das Material, mit dem gedämmt wird. Dadurch geht keine Wärme nach draußen verloren. Schaut man sich das Ganze auf einer Wärmebildkamera an, sieht man das sehr gut an den Fenstern. Bei „normalen“ Häusern sind die dann meistens knallrot umrandet, bei einem Passivhaus – mit in der Regel dreifach verglasten Fenstern – ist die Umrandung blau.

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Die fünf Passivhaus-Grundprinzipien

GRAFIK: Passivhaus-Institut

Folgendes Szenario: Hochsommer, 30 Grad, das Passivhaus steht zwölf Stunden in der prallen Sonne. Führen da nicht die Dämmungsmaßnahmen mit Dreifachverglasung und dicken luftdichten Wänden zum Hitzekollaps der Bewohner?

Nein, eigentlich nicht. Dämmung funktioniert ja auch in die andere Richtung. Mit dem gleichen Prinzip, mit dem die kalte Luft draußen gehalten wird, wird auch die Wärme außerhalb des Hauses gehalten. Die Innentemperatur bleibt konstant und dabei hilft die Lüftungsanlage zur Wärmerückgewinnung. Kalte Luft kommt von draußen rein und die warme und die verbrauchte Luft im Haus wird rausgeleitet. Bei diesem Vorgang ziehen die beiden Luftströme aneinander vorbei und die Abluft erwärmt die frische Luft. Dann muss am Ende nur ein bisschen geheizt werden.

Nun gibt es gegenüber Passivhäusern trotzdem eine Reihe von Vorurteilen. Manche behaupten, dass es trotz der Lüftungsanlage extrem warm in ihren Wohnungen sei.

Es gibt tatsächlich ein paar Beispiele, wo das so ist. Aber da wurde dann auch nicht ganz sauber gearbeitet. Man muss auch dafür sorgen, dass Verschattungen über den Fenstern sind, weil ein Prinzip beim Bau die Ausrichtung des Passivhauses nach Süden hin vorschreibt. Oft funktioniert diese Verschattung schon mit den Balkonen oder einfachen Rollläden. Beim obersten Geschoss muss man sich dann überlegen, wie man eine massive Erwärmung verhindern kann.

Wenn man doch um die Gefahren weiß, wieso kommen solche Fälle dann vor?

Wo Menschen sind, passieren leider auch immer Fehler. Gut möglich, dass in diesen Fällen vielleicht aus Kostengründen auf eine umfangreiche Verschattung verzichtet wurde. Das ist dann aber kein Problem des Passivhauskonzepts, sondern nur von der Umsetzung.

HINTERGRUND: Das Passivhaus Institut (PHI)
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Sie erwähnten Einsparungen aus Kostengründen. Sind die Kosten eines Passivhauses im Vergleich zu einem normalen Haus beim Bau so enorm?

Es gibt erfahrene Passivhaus-Architekten, die das ohne Mehrkosten hinbekommen. Aber im Durchschnitt liegen die Mehrkosten bei der Planung und dem Bau um die zehn bis 15 Prozent, verglichen mit dem, was im Durchschnitt gebaut wird. Durch langjähriges Wohnen und die geringen Strom- und Heizkosten spart man aber Einiges.

Wann hätte man diese zehn bis 15 Prozent denn wieder aufgeholt?

Das hängt natürlich auch von den Energiepreisen und dem tatsächlichen Verbrauch der Leute ab. Nach ungefähr zehn Jahren ist man bei plus/minus null.

Nehmen wir mal an, dass wir uns jetzt auf der Stelle ein Passivhaus bauen möchten. Wenn wir wissen, dass wir durch einen erfahrenen Architekten bares Geld sparen könnten – wäre das PHI dann ein richtiger Ansprechpartner und würde uns jemanden empfehlen?

Wir würden nicht direkt jemanden empfehlen, aber wir bieten Weiterbildungen für Architekten an und vergeben für die Teilnahme ein Zertifikat. Man kann sich als Passivhaus-Planer zertifizieren lassen und erhält von uns ein bestimmtes Logo, was diesen Architekten für den Passivhaus-Bereich kennzeichnet. Auf der Internetseite passivhausplaner.eu gibt es dazu eine Google-Karte mit entsprechenden Suchmöglichkeiten. Weltweilt sind es 4000 bis 5000 Architekten und Planer, die diese Weiterbildung bei uns oder unseren Partnern gemacht haben.

Was macht das PHI neben den Weiterbildungen sonst noch?

Die wichtigste Sache, mit der wir uns hauptsächlich beschäftigen, ist die Forschung, um das Passivhauskonzept weiter zu entwickeln. Der Passivhausstandard ist zwar nicht feststehend, aber die Frage ist: Was muss man bei einer besonderen Art von Gebäude machen?

Haben Sie Beispiele für Gebäude der „besonderen Art“?

Es gibt zum Beispiel zwei Hallenbäder in Deutschland mit einem Passivhausstandard. Da muss man ganz andere Dinge beachten, wie zum Beispiel die hohe Luftfeuchtigkeit, die Beheizung des Beckens und die veränderten Wärmeströme in den Griff kriegen.

Der Passivhausstandard wird also nicht nur ausschließlich auf Wohnhäuser angewendet?

Ganz und gar nicht. Anderes Beispiel: In Hannover und Österreich gibt es die ersten Supermärkte in Passivhausstandard. Da sind die Kühlregale die größten Energieverbraucher. Die Kühlregale erzeugen nach außen Wärme und diese Wärme benutzt man dann für die Heizung des Gebäudes. Da werden wir beauftragt, im Rahmen von Beratung und Planung mitzuwirken und geeignete Lösungen zu finden.

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In Darmstadt hat das PHI 50 Mitarbeiter und bei einem Ableger in Österreich nochmal zehn. Als Ziel gibt das PHI aus, die Vorteile des Passivhausstandards bekannt zu machen und dafür zu sorgen, dass Leute sich dieser Vorteile bewusst werden. Davon kann man doch aber nicht die Mitarbeiter und die Forschung bezahlen. Wie also kommt das PHI an Gelder?

Für die Zertifizierung und dementsprechende Qualitätsprüfungen von Baukomponenten und Lüftungsanlagen wird eine Gebühr genommen. Ein Hersteller kommt mit seinem Produkt zu uns, wir rechnen und prüfen, ob das Produkt die erforderlichen Eigenschaften erfüllt und vergeben unser Siegel. Aber das ist in der Regel kostendeckend und nichts, was große Einnahmen bringt. Wir sind aber auch an zwei EU-Projekten beteiligt, wo dann Gelder der EU zur Verfügung stehen. Dort arbeiten wir zum einen an der Weiterentwicklung der Sanierung und zum anderen an der Förderung des kommunalen Passivhausstandards. Im Rahmen dieser Projekte bekommen wir  auch Gelder.

Sind das dann dauerhafte und ausreichende Einnahmen?

Jetzt nicht dauerhaft, aber wir sind auch immer wieder bei Forschungsprojekten des Landes Hessen dabei.

Also sind die Landesregierung und die Europäische Union ihre großen Geldgeber?

Nun ja, die geben uns nicht direkt Geld, weil sie das toll finden. Aber wie das so üblich ist, gibt es Budget für Projekte. Da muss man sich dann mit Anträgen bewerben, und wenn unsere Forschungsanforderungen bestimmte Kriterien erfüllen oder als sinnvoll erachtet werden, kann es sein, dass wir Zuschläge bekommen.

Sind diese Zuschläge eher die Regel oder die Ausnahme?

In der Vergangenheit haben wir ausreichend Forschungsgelder bekommen, sonst gäbe es uns ja nicht mehr. Aber man hat keine Garantie, sondern muss immer wieder aktiv bleiben und nach Lücken und Bedarf in der Forschung suchen.

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Modell eines Passivhauses mit luftdichter Ebene.

Weil das PHI in Darmstadt stationiert ist, interessiert uns natürlich brennend, wie weit verbreitet das Passivhauskonzept in Ihrem unmittelbaren Umkreis ist. Wie viele Passivhäuser gibt es in Darmstadt zurzeit?

Die Zahl würde ich auf ein paar Dutzend schätzen. Insgesamt gibt es vielleicht 50.000 in Deutschland – Tendenz steigend.

Das hört sich jetzt nach allen Vorteilen, von denen Sie sprachen, nach erschreckend wenig an. Liegt es nur an der Verbreitung, die sich das PHI ja auf die Fahne geschrieben hat, oder ist das auch den Vorurteilen, wie zum Beispiel dem unschönen und klotzigen Aussehen, geschuldet?

Die Vorurteile mögen da vielleicht eine Rolle spielen, aber man muss auch bedenken, dass ein Haus im Idealfall nun mal nicht alle fünf Jahre neu gebaut wird. Es wäre natürlich ein Irrsinn, ein Haus, was steht, abzureißen und ein Passivhaus zu bauen. Nur, wenn tatsächlich ein neues Haus gebaut wird, besteht die Chance auf ein Passivhaus. Man kann nicht von heute auf morgen die ganze Baubranche umkrempeln. Das geht nur Schritt für Schritt.

Wenn wir zum Ende nochmal ein bisschen Zukunftsmusik spielen: Kann das Passivhauskonzept ein entscheidender Faktor in der von der Bundesregierung angestrebten Energiewende werden?

Die Bundesregierung fördert uns ja indirekt durch die zinsvergünstigten Kredite auf Passivhäuser bei der staatlichen KFW-Bank. Man muss sich die Zahlen in der Energiewende mal vor Augen halten: ein Drittel der gesamten Energie, die in Deutschland verbraucht wird, fließt in Gebäude – genauer gesagt in die Heizung. Der Passivhausstandard könnte das auf zehn Prozent reduzieren. Könnte man den Gebäudebestand auf dieses Niveau bringen, wäre der komplette Energieverbrauch Deutschlands um ein Drittel gesenkt.