Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen ist das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel. Es prüft und bewertet Nutzen und Risiken biomedizinischer Human-Arzneimittel und immunologischer Tier-Arzneimittel im Rahmen der klinischen Entwicklung und Zulassung. Was das genau zu bedeuten hat, erklärt uns Professor Klaus Cichutek.

Von Naoual Abardah & Johanna Hilbig 

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Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts

DNA: Guten Tag Herr Cichutek, Sie sind der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. Welche Aufgaben haben Sie?

Cichutek: Grundsätzlich bin ich für das gesamte Institut verantwortlich. Ein wichtiger Teil meiner Aufgaben betrifft die Vernetzung des PEI . Zudem bin ich sowohl für die regulatorischen Entscheidungen und Forschungen, als auch für das Management verantwortlich. Als Beispiel für gravierende regulatorische Entscheidungen, die wir im Team treffen, sei das Auftreten von Flocken in einem Grippe-Impfstoff vor ein paar Jahren genannt. In einem solchen Fall gilt es, eine Bewertung abzugeben und Entscheidungen zu treffen, wie man regulatorisch weiter vorgeht, um theoretisch möglichen Schaden von den zu impfenden Personen abzuwenden. Im Moment haben wir auch viel mit Arzneimittelfälschungen zu tun, die im Parallelhandel entdeckt wurden. In diesem Fall mussten wir natürlich zusehen, dass wir zusammen mit den Landesbehörden die richtigen Maßnahmen treffen, um solche Fälschungen aus dem Verkehr zu ziehen.

Was ist regulatorische Forschung?

Das ist die Forschung, die die Nutzen-Risikobewertung von Arzneimitteln unterstützt. Wir im PEI beschäftigen uns mit der Produkt- und Arzneimittelprüfung. Hier geht es auch um Methodenentwicklungen, um mittels experimenteller Prüfung die Qualität von Arzneimitteln sicherzustellen. Dann beschäftigen wir uns auch mit der Frage nach Nebenwirkungen und der Wirksamkeit von Arzneimitteln und forschen im Bereich der Wechselwirkung von Arzneimitteln mit dem Organismus. Vor Jahren gab es beispielsweise einen interessanten Fall bei einem Veterinär-Impfstoff. Dieser wurde bei Rindern eingesetzt und einige Kälber der geimpften Kühe entwickelten eine Krankheit, die als Blutschwitzen bezeichnet wurde. Das ist ein Gerinnungsproblem. Diese Nebenwirkungen hingen tatsächlich mit der geringen Qualität des Impfstoffs zusammen, was einer Verunreinigung mit Zellresten aus der Impfstoffherstellung geschuldet war. Da konnten wir als PEI bei der Aufklärung massiv helfen. Im dritten Schwerpunkt beschäftigen wir uns mit der Entwicklung neuer Präventions – und Therapiestrategien. Im Moment ist ja das MERS-Corona-Virus öfters in der Presse. Dieses Virus wird bei Kamelen in Saudi Arabien, aber auch bei Menschen gefunden. Bei Menschen kann das Virus schwere Lungenentzündungen hervorrufen und zum Tod führen. Hier versuchen wir, zusammen mit dem Gesundheitsforschungszentrum in Deutschland (DZIF) neue Impfstoffideen zu finden. Wir wollen zu impfende Menschen und Patienten vor unwirksamen und bedenklichen Arzneimitteln schützen, aber auch dazu beitragen, den Menschen schnellstmöglich innovative Arzneimittel zur Verfügung zu stellen. Die Aufgabe der Arzneimittelentwicklung nimmt hauptsächlich die Pharmaindustrie wahr, aber regulatorische Arzneimittelbehörden wie das Paul-Ehrlich-Institut begleiten sie als unabhängige Prüfer.

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Foto: Paul-Ehrlich-Institut

Wofür ist das PEI genau zuständig?

Das PEI ist zuständig für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel. Im Human-Arzneimittelbereich sind das beispielsweise Allergene für Therapie oder Diagnostik, Gerinnungsfaktoren zur Behandlung von Bluter-Patienten (Hämophile ) oder Zell- und Gentherapeutika. Ganz wichtig sind für uns auch Sera und Antikörper, die zur Behandlung von Krebs- oder Autoimmunerkrankungen und neurologischen Krankheiten genutzt werden können. Wir bewerten diese Impfstoffe und biomedizinischen Arzneimittel. Einige davon unterliegen der staatlichen Chargenprüfung. Das heißt, bevor eine einzelne Charge mit vielen Dosen eines Arzneimittels auf den Markt kommt – also Patienten verabreicht werden darf – wird ein Muster dieser Charge im PEI noch einmal überprüft. Das geschieht sowohl durch eine Prüfung der Dokumentation als auch experimentell im Labor. Insbesondere bei Impfstoffen sind vom Arzneibuch noch einige Tierversuche vorgeschrieben. Überprüft wird beispielsweise die Verträglichkeit der Impfstoffe und der Antigengehalt – als Voraussetzung für den Aufbau einer Immunantwort.

Die Impfstoffe und Arzneimittel werden hier zugelassen. Wie werden Sie geprüft?

Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel müssen in der „Drug Discovery“ erst mal entdeckt werden. Hier versuchen wir schon zu beraten, denn diese Phase passiert häufig im Bereich der akademischen Forschung, an Universitäten und großen Forschungseinrichtungen, zum Beispiel bei Helmholtz-, Leibniz-, oder Max-Planck-Instituten. Dann versucht man den Mechanismus, über den das Arzneimittel wirken soll, genau kennenzulernen. Man erforscht, wie das Arzneimittel in so hochqualitativer Form hergestellt werden kann, sodass es auch am Patienten oder am Probanden angewandt werden kann. Wenn dieser Fall eintritt, werden Versuche angestellt, um mögliche Nebenwirkungen zu erfassen oder es werden Dosisfragen gestellt – oft an Tiermodellen. Das passiert im Bereich der nichtklinischen Forschung. Erst dann geht es in die klinische Prüfung am Menschen. Dabei geht es um die generelle Sicherheit und Wirksamkeit. Das PEI bewertet die vom Arzneimittelentwickler erhobenen Daten im Detail und nimmt eine Nutzen-Risiko-Analyse vor. Wenn diese positiv auffällt, kann eine Zulassung erteilt werden. Bei sehr modernen Arzneimitteln bewerten wir diese zusammen mit Kollegen der anderen nationalen Arzneimittelbehörden unter dem Dach der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) In solchen Fällen erteilt die EU-Kommission die Zulassung, bei nationalen Verfahren machen wir das. Klinische Prüfungen biomedizinischer Arzneimittel in Deutschland genehmigt das PEI und es ist zudem die Zustimmung einer Ethikkommission erforderlich.

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Foto: Paul-Ehrlich-Institut

Tiermodelle – was kann man sich darunter vorstellen?

Tiermodelle werden zum Beispiel angewandt, um herauszufinden, ob Impfstoffe eine immunschützende Wirkung gegenüber Infektionserregern haben. Solche Impfstoffe werden typischerweise Mäusen gegeben. An den Mäusen misst man die Immunantwort, die durch einen Impfstoff ausgelöst wird, im Vergleich zu nichtgeimpften Mäusen. Solange solche Impfstofftests am PEI durchgeführt wurden, hat es keine Probleme mit Tierschutzorganisationen gegeben. Erstens weil ich glaube, dass auch in der Öffentlichkeit erkannt wird, dass die Tierversuche, im Arzneimittelbereich vor allen Dingen die Menschen vor unerkannten Nebenwirkungen schützen sollen. Es macht also Sinn, in reduziertem und stark kontrolliertem Maße solche Tierversuche durchzuführen. Zweitens arbeiten wir aktiv in einem Programm mit, das Tierversuche auch bei der Arzneimittelentwicklung und – prüfung zu reduzieren versucht. Das Programm heißt 3R-Programm und steht für Refinement, Reduction, Replacement. Dafür haben PEI-Wissenschaftler auch schon Preise gewonnen.

Besteht bei den Forschungen die Gefahr, dass sich Mitarbeiter mit Krankheitserregern anstecken? Wie ist der Schutz der Mitarbeiter gewährleistet?

Wir arbeiten grundsätzlich mit sehr wenigen Infektionserregern und dann auch nicht mit den virulenten, sondern mit einer relativ harmlosen Gruppe, insbesondere abgeschwächten Impfstämmen. Wir haben dazu die entsprechenden Laborausrüstungen. Das Personal ist geschult und aufgrund einer Vielzahl getroffener Sicherheitsmaßnahmen ist die Infektionsgefahr gering.

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Foto: Paul-Ehrlich-Institut

Welche nennenswerten Erfolge hatten Sie schon im Bereich der Forschung?

Zum Beispiel trat vor einigen Jahren bei einer in England begonnenen klinischen Prüfung eines Antikörpers ein so genannter Zytokin-Sturm auf. Die Probanden haben schwere Nebenwirkungen erlitten. Normalerweise kommt so etwas nicht vor. Wir haben genügend Labor- und Tieruntersuchungsmethoden, um vor der Anwendung am Menschen solche Nebenwirkungen zu erkennen und damit klinische Prüfungen zu untersagen. Das hat in diesem Falle nicht geklappt. Eine unserer Forschergruppen konnte herausfinden, was der Grund dafür war und so den Grundstein dafür legen, dass es nun bessere Labormethoden gibt. Mit diesen Methoden können wir die Gefahr eines solchen Zytokinsturms vor der Anwendung am Patienten ausschließen, oder das Risiko zumindest reduzieren.

Wir beschäftigen uns auch mit onkolytischen Viren. Das sind abgeschwächte Infektionserreger, die bei Krebspatienten in den Tumor gespritzt werden sollen, um ihn zu beseitigen. Das passiert im Moment im Rahmen klinischer Prüfungen. Wir erforschen die Wirkungsweise solcher onkolytischen Viren näher und versuchen Funktionen hinzuzufügen, die zusätzlich noch eine Immunabwehr zur Tumorreduktion auslösen.

Was für Ziele möchte das PEI noch erreichen?

Wir sind derzeit die Nummer Eins in Europa im Bereich der Bewertung von Impfstoffen und biomedizinischer Arzneimittel. Diesen Platz wollen wir halten und wenn es geht auch ausbauen. Das betrifft auch unseren Platz Eins in Europa im Bereich der Produktprüfung. Auch bei der Forschung möchten wir weiter gute Erfolge erzielen. Hier entwickeln wir gerade ein aktualisiertes Programm. Wir haben uns vorgenommen, weltweit Standards zu setzen und durch unsere Arbeit Innovationen in der Biomedizin zu fördern. Außerdem möchten wir den Netzwerkgedanken bezüglich der Zusammenarbeit mit der Europäischen Arzneimittelagentur stärken. Einzelne nationale Behörden sollen in der EMA bei der Bewertung noch intensiver und besser zusammen arbeiten.