Wissenschaft ist trocken, langweilig, unverständlich und löst bereits in der Schule bei vielen das Bedürfnis aus, Physik und Chemie bei der ersten Gelegenheit abzuwählen – so das Klischee. Science Slam beweist jedoch seit dem ersten Wettbewerb 2006 das Gegenteil: Wissenschaft und Kreativität sind kein unvereinbarer Gegensatz.

Von Dorothea Wagner-Maroti

Die Regeln sind einfach: Die Gunst des Publikums entscheidet über Sieg und Niederlage. Die Moderatoren fordern dazu auf, nach einem bestimmten Punktesystem zu klatschen, damit sie mit ihren „geschulten Ohren“ die Kurzvorträge bewerten können. Zehn Minuten hat jeder Slammer Zeit. Wer überzieht, muss ein Glas Rotwein trinken.

Beim Science Slam stellen Wissenschaftler ihre Forschungsarbeiten in Kurzvorträgen vor und zwar nicht in „Fachgebabbel“ sondern laienverständlich und das mit großem Charme und Witz.

Und so bleibt auch am 30. Mai 2015 in der Halle der Centralstation in der Darmstädter Innenstadt kein Auge trocken. Moderiert wird der Abend von keinem geringeren als dem Erfinder des Science Slams, Alex Dreppec (bürgerlich auch Alex Deppert) und dem Darmstädter Multitalent Axel Röthemeyer. Der Gründer dieser Kunstform war lange Poetry Slammer und hat eine Doktorarbeit zur Verständlichkeit von wissenschaftlichen Texten geschrieben. Die Deutsche Bahn erledigte den Rest. „Ich habe mich damit beschäftigt, wie verständlich die Wissenschaft ist. Dadurch habe ich irgendwann mal bei einer Wartezeit am Bahnhof die Idee gehabt, dass man das verbinden sollte“, so Dreppec.

Ein internationaler Exportschlager

Daran, dass Science Slam so beliebt würde, glaubte Erfinder Dreppec anfangs nicht: „Man hofft so was natürlich und träumt davon, aber ich habe das nicht für realistisch gehalten. Die Resonanz vom Publikum war von Anfang an sehr positiv, aber es war anfangs sehr schwer Slammer zu finden.“ Mittlerweile gibt es auch Wettbewerbe in Indonesien, Chile oder Israel. Dabei hätte Dreppec den ersten Wettbewerb wegen fehlender Teilnehmer fast abgesagt, wäre es in der Presse nicht schon angekündigt gewesen. „Ich war in einer Zwangslage und so habe ich herumtelefoniert. Einem musste ich versprechen, ihm beim Umzug zu helfen, ich habe meinen Vater auf die Bühne gezerrt und auch meine Freundin musste Science Slammerin werden. Bei den ersten zwei Science Slams waren alle bis auf zwei Personen Bekannte von mir – ich habe alle persönlich verhaftet.“

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Amtierender deutscher Science Slam Meister – Paläontologe Kai Jäger

An Vortragenden mangelt es an diesem Abend nicht. Sechs Wissenschaftler aus den Bereichen Pyhsik, Chemie, Biologie und Linguistik sind in die Geburtsstadt des Science Slam gereist. Den Anfang macht Kai Jäger, amtierender deutscher Slammer-Meister und Paläontologe aus Bonn. Auf der Bühne steht ein junger Mann mit langen dunklen Haaren in einem Pferdeschwanz. Auf der Leinwand hinter ihm steht der Titel seines Vortrags „Ein Fossil zum Knutschen“. Was ein Paläontologe ist? „Jeder von uns war mal in der Gefahr Paläontologe zu werden, nämlich als wir mit Dinosauriern im Kinderzimmer gespielt haben. Wir waren die ‚Generation Jurassic Park‘, da wollten viele Kinder was mit Dinos machen, wenn sie groß sind. Ihr seid erwachsen geworden, ich nicht“, erklärt er seine Berufswahl. Während er erläutert, was ein Fossil überhaupt ist, wird im Hintergrund auf der Leinwand das gelb-blaue Logo der FDP eingeblendet, was für den ersten von vielen Gesichtskrämpfen unter den lachenden Zuschauern sorgt.

Doch bei allem Spaß kommt auch die Bildung nicht zu kurz. So erfährt man, dass es neben fossilen Knochen und Pflanzen auch „fossile Scheiße“ gibt, auch Koprolith oder Kotstein genannt und dass Brathähnchen direkte Nachkommen der Dinosaurier sind. Auch, wie man Knochen von Steinen unterschiedet demonstriert er mit einem einfachen Test. Dafür nimmt er einen großen, sehr verstaubt aussehenden Gegenstand und leckt daran. „Meine Zunge ist leicht am Objekt kleben geblieben. Das heißt, da sind Hohlräume und das bedeutet, das ist Knochen“, erklärt Jäger und beruhigt die entsetzten Leute im Publikum, „Wenn ihr so ein Gestein aufschlagt, das Millionen Jahre alt ist, ist das absolut steril. Ekelhaft wird’s erst, wenn man mit mehreren Leuten auf der Grabung ist.“

Dröhnender Applaus beendet seinen Vortrag. Nach diesem grandiosen Auftakt kocht die Stimmung im Saal, jeder der Wissenschaftler kann auf seine Art und Weise das Publikum für sich einnehmen. Dies ist auch sehr wichtig, erklärt der Mann mit doppeltem Doktortitel Dr. Dr. Dante Bernabei: „Man muss mit dem Laien reden und seine Zuneigung gewinnen. Der Zuhörer muss mit den Augen zwinkern und dem Kopf nicken. Wenn man ihn nicht zum Kopfnicken bewegen kann, dann ist es nur Bla Bla“. Der Chemiker im Ruhestand hat nach etwa 30 Jahren bei der Darmstädter Firma Merck nochmal studiert, Sprach-und Literaturwissenschaft an der TU Darmstadt. Beim Science Slam erklärt er seine Doktorarbeit und warnt sicherheitshalber vor: „Die Damen sollten sich lieber die Ohren zuhalten, weil obszöne Wörter fallen könnten.“ Das tun sie auch. Der 79-Jährige beschäftigt sich mit der originalgetreuen Übersetzung von historischen Texten und erläutert am Beispiel einer zeitkritischen Satire von Charles-Pierre Baudelaire, zu welchen Problemen das führen kann. Übersetzt man nämlich alles Wort für Wort, kommen dabei Neologismen heraus wie „Fotz-Arsch-Rammeln“. Die Kombination aus solch skandalösen Begriffen und einem charmanten Herrn im Cord-Anzug beschert ihm den Sieg der ersten Vorrunde und so einige Gläser Rotwein.

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Glaziologin Helene Hoffmann hat Gletschereis und eine heiße Performance im Gepäck

Es folgen spannende Vorträge mit Titeln wie „Ice Ice Baby“ von Helene Hoffmann. Die Umweltphysikerin ist auf Gletscher spezialisiert und so bekommt das Publikum erst einmal jahrtausendealtes Gletschereis zum Probieren und legt danach noch einen Striptease hin, wobei sie sich den Skianzug vom Leib reißt. Ihre Teilnahme erklärt die junge Frau im Pünktchenkleid so: „Ich spiele in meiner Freizeit sehr gerne Theater und ich mache gerne Wissenschaft. Science Slam war für mich die perfekte Kombination aus beidem. Es macht einfach Spaß, wenn man Leute für sein Thema begeistern kann oder zumindest mal Interesse wecken.“ Für sie spiele die Kreativität eine wichtige Rolle bei der Wissenschaft. „Sich auch mal Analogien auszudenken, die vielleicht nicht zu 100 Prozent richtig sind, aber trotzdem dem anderen eine Idee davon geben, was man tut, da steckt schon eine große Kreativität drin. Ich finde das sehr wichtig, denn wenn ich in einem Vortrag sitze, in dem ich nach zwei Minuten einpennen könnte, dann habe ich auch nichts mitgenommen.“

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Die Siegerin des Abends: Janina Otto

Foto: Alexander Spiering

Das Rennen macht am Ende aber Zell-Biologin Janina Otto. Ihr Erfolgsgeheimnis? Sie zeigt, dass Wissenschaft nicht abstrakt sein muss und holt den Zuschauer in seinem Alltag ab. In In ihrem Vortrag „Im Schweiße deines Angesichts – Läuft bei dir“ geht es nämlich um ein unpopuläres Phänomen, mit dem wir uns aber alle herumschlagen: Schweiß. „Wenn ihr Schweiß nicht so gut findet, seid ihr in guter Gesellschaft, denn ungefähr 70 Prozent der Deutschen benutzen täglich ein Deo“, erklärt die Marburgerin zu Beginn. „Das ist eigentlich ganz schön wenig. Ich glaube die anderen 30 Prozent fahren immer mit mir im Bus, wenn´s warm ist.“

Ihr Vortrag macht aber auch Hoffnung, denn Schweiß muss nicht immer riechen. Thermischer Schweiß besteht nämlich aus Wasser und Salz und kann daher keine üblen Gerüche verströmen. Beim Stress-Schwitzen dagegen kann es schon mal müffeln. Ein typische Situation hierfür wäre ein Sprung aus einem Flugzeug, was so manche Tester von Deo-Wirkstoffen über sich ergehen lassen müssen. Auch bei den verschiedenen Geruchsrichtungen zeigen sich deutliche Unterschiede. Je nach Schweiß-Art kann es käsig riechen oder nach Erbrochenem und Fäulnis. „Erinnert mich immer an meine WG-Küche“, erklärt Janina Otto. Gleichberechtigung herrscht beim Thema Schweiß übrigens nicht zwischen Männern und Frauen. So riechen letztere eher nach Knoblauch und Zwiebeln, während der Schweißgeruch von Männern von 30 Prozent der Frauen als Vanille und Honig wahrgenommen wird. Mit weniger Show, aber dafür gekonnt platziertem Humor und großem Nutzwert gewinnt sie das Publikum für sich und darf sich über den Preis – eine Lilien-Fanmütze und eine Ladung Spargel – freuen.

Das Resümée des Abends: Man ist am Ende zwar schweißgebadet (vom Lachen), aber auch schlauer. Ein Nebeneffekt, den auch Science Slam Gründer Alex Dreppec zu schätzen weiß. „Wie viel sie davon noch wissen nach einem Jahr, kann ich nicht sagen. Aber ich kann mich an vieles erinnern, also meine Allgemeinbildung ist vorangekommen dadurch.“