Zöli-was?!

Jeder 250. Deutsche leidet unter Zöliakie. Die einzige Therapie besteht im vollständigen Verzicht auf Gluten. Der Darmstädter Arzneientwickler Zedira hat nun einen Wirkstoff gefunden, der den Menschen eine große Erleichterung im Alltag bringen könnte.

Von Sabine Knauf

Zöliakie ist eine chronische Erkrankung des Dünndarms und sorgt dafür, dass das Klebereiweiß Gluten von den Erkrankten nicht vertragen wird. Gluten findet man in den Getreidesorten Weizen, Roggen, Dinkel und Gerste. Die einzige Therapie der Autoimmunerkrankung besteht im kompletten Verzicht auf Produkte, die Gluten enthalten. Dies bedeutet eine große Einschränkung im Leben der Zöliakie-Patienten. Denn Gluten befindet sich nicht nur in Back- und Teigwaren wie Brot, Brötchen, Kuchen, Nudeln und Pizza, auch Bier und Malzbier sind tabu. Zudem versteckt sich Gluten häufig unerwartet in verschiedenen Lebensmitteln wie Gewürzen oder sogar Eis. Dieses versteckte Gluten, stellt häufig das größte Problem dar.

Wenn ein Betroffener Gluten isst, können unterschiedliche Symptome bei ihm auftreten: Von den klassischen Magen-Darm-Beschwerden bis hin zur Unfruchtbarkeit kann die Erkrankung sich sehr unterschiedlich auswirken. Auf lange Sicht steigt auch das Krebsrisiko an.

400.000 Menschen in Deutschland sind nach aktuellen Untersuchungen laut der Deutschen Zöliakie Gesellschaft betroffen. Das bedeutet etwa jeder 250. Deutsche hat Zöliakie. Doch nicht jeder weiß davon, denn nur 10-20 Prozent weisen typische Symptome auf. Der Rest hat untypische oder teilweise keine Symptome, die Erkrankung bleibt dann unentdeckt – zumindest bis eine Folgekrankheit auftritt.

Kein Wunder also, dass die Zöliakie ein spannendes Thema für die Forschung darstellt. Wie schön wäre es für die Betroffenen, wenn es eine Tablette geben würde wie die Laktase- Tablette, die den Laktose-Intoleranten ermöglicht, Laktose ohne Beschwerden zu essen oder zu trinken.

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Momentan sind Zöliakie-Patienten darauf angewiesen, meist teurere glutenfreie Ersatzprodukte zu konsumieren.

Foto: obs/Dr. Schär

Dr. Ralf Pasternack, Geschäftsführer des Darmstädter Arzneientwicklers Zedira beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit der Zöliakie-Forschung. Schon während seiner Doktorarbeit ging es um Transglutaminasen. Auf die Humanen Transglutaminasen stieß er erst später, diese spielen bei der Zöliakie eine große Rolle. Transglutaminasen sind Enzyme, die wie biologische Klebstoffe funktionieren. „Gluten ist ein ideales Substrat für Transglutaminasen, bei den Patienten trifft es auf die Dünndarmschleimhaut und wird durch verschiedene Prozesse umgewandelt. Danach wird das Gluten als fremd erkannt und dies führt dann zur Entzündung der Darmzotten“, erklärt Pasternack. Die Darmzotten sorgen dafür, dass Nährstoffe aus der Nahrung aufgenommen werden. Bei Zöliakie-Patienten flachen diese Zotten durch die Entzündung ab und Nährstoffe können nicht mehr aufgenommen werden.

„Der Wirkstoffkandidat, mit dem einer Entzündung vorgebeugt werden soll, wird aktuell an gesunden jungen Männern auf Verträglichkeit und Sicherheit untersucht“, sagt Dr. Pasternack. Dieser Wirkstoff nennt sich ZED1227. Die erste klinische Überprüfung wird in Freiburg durch Dr. Falk Pharma finanziert. Neben der Verträglichkeit wird auch getestet, inwieweit der Wirkstoff aufgenommen wird bzw. sein Zielgewebe, also den Dünndarm erreicht. Bei positivem Ergebnis folgt im Februar 2016 schon die zweite Stufe, in der das Medikament auch an der Uniklinik Mainz unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Schuppan an Zöliakie-Patienten getestet wird. „Freiwillige dafür zu finden gestaltet sich als einfach, denn der Wunsch nach einem solchen Mittel ist bei den Zöliakie-Patienten groß.“

Die grundlegende Forschungsarbeit, die in Darmstadt geleistet wurde, ist natürlich nur ein Teil des Ganzen. Ob das Medikament auf den Markt kommt, hängt von den Studien ab. „Bei dem Medikament geht es darum, Diätfehler zu entschärfen“, erklärt Pasternack. „Denn diese Fehler passieren öfter als gedacht und gerade beim Auswärtsessen ist das Risiko einer Kontamination hoch.“ Oft würden schon Krümel reichen, um die Entzündung wieder hervorzurufen. Die entzündete Darmschleimhaut könne sich häufig nicht komplett regenerieren. Dies wurde laut Pasternack auch bei zahlreichen Magenspiegelungen nachgewiesen. Obwohl sich die Patienten, nach eigenen Einschätzungen, an die glutenfreie Diät hielten, sahen die Zotten trotzdem oft anders aus als bei gesunden Menschen.

Dr. Pasternack geht davon aus, dass das Medikament ein Leben lang mehrmals täglich eingenommen werden muss. Umso wichtiger seien die Studien zur Verträglichkeit des Wirkstoffs. Die Tablette soll also keineswegs zum Sündigen animieren, sondern die Diät unterstützen und so ein bisschen Erleichterung im Alltag schaffen. So könnten die Patienten wenigstens einen Salat essen, ohne Angst haben zu müssen, dass dieser in der Küche mit Brötchenkrümeln in Berührung gekommen ist.

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